Marburger Konzertverein

Zum Tod von Otfried Madelung
Nachruf

Zehn Jahre lang, von 1991 bis 2001, hat Professor Otfried Madelung die Geschicke des Marburger Konzertvereins geleitet. Am 3. August 2017 ist er 95-jährig im Taunus gestorben. Professor Madelung amtierte als vierter Vorsitzender des Konzertvereins nach dessen Reaktivierung im Jahre 1956. Unter seinem Vorgänger Dr. Wilhelm Schuchard konnte der Konzertverein in der Spielzeit 1989/1990 durchschnittlich 920 Besucher pro Konzert verbuchen. „Hinzu kommt die Rekordhöhe an Abonnenten: 774. Fast 85 Prozent aller Sitzplätze in der Stadthalle sind in festen Händen“, berichtet Madelung in der Broschüre „Der Marburger Konzertverein – ein Streifzug durch seine Geschichte von 1786 bis 1999“.

Madelung musste in der ersten von ihm verantworteten Saison 1991/1992 gleich eine große Herausforderung meistern: den Umzug ins Audimax wegen der Asbestverseuchung der Stadthalle. Trotz hochkarätiger Musiker wie den Moskauer Virtuosen unter der Leitung des Geigers Vladimir Spivakov, den Bamberger Symphonikern, dirigiert von Horst Stein und mit der Cellistin Natalia Gutman, ging die Zahl der Abonnenten und Zuhörer stark zurück. „Und dieser Verlust wurde nur ganz langsam in den folgenden Jahren wieder aufgeholt“, erinnerte sich Madelung.

In den folgenden Spielzeiten bis 2001, als er das Amt des Vorsitzenden niederlegte, verpflichtete Madelung Weltstars wie die Sänger Christoph Prégardien und Thomas Quasthoff, die Geiger Viktoria Mullova und Pinchas Zukerman, die Klarinettistin Sabine Meyer sowie den Pianisten Grigorij Sokolov, wodurch es eine Reihe von ausverkauften Konzerten gab. Zum Abschied überreichte er seinem Nachfolger Dr. Friedemann Nassauer ein besonderes Geschenk: In zwei Bänden zu je 400 Seiten hatte Madelung alle Rezensionen festgehalten, die zwischen 1960 und 2001 in der Oberhessischen Presse erschienen sind. Außerdem enthalten die beiden Bücher Faksimiles der Gästebücher, in die sich bis heute die in Marburg auftretenden Musiker mit persönlichen Widmungen eintragen. Dieses nur in einer Handvoll Exemplaren gedruckte schriftliche Gedächtnis ist Madelungs Vermächtnis.

Als Ehrenvorsitzender besuchte Madelung weiter die Konzerte seines Vereins, in dessen Vorstand er bereits von 1971 bis 1975 (künstlerischer Beirat) und 1986 bis 1991 (Beisitzer) mitgewirkt hatte – bis er sein Haus in Wehrda verkaufte und mit seiner Frau in eine Seniorenresidenz nach Kronberg zog.

Ganz besonders liebte Madelung die Kammermusik, die er auch in seinem Wehrdaer Haus mit Freunden pflegte – als Kopf eines Klaviertrios. Sinfonische Musik hörte er ausschließlich im Konzertsaal, nie von der Tonkonserve, weil diese seiner Meinung nach nie das ganze Spektrum eines Orchesters wiedergeben könne.

Die Liebe zur Musik geweckt hatte bei Madelung sein Vater Erwin, der als Frankfurter Ordinarius für theoretische Physik seinem Sohn auch ein halbes Jahr lang Privatvorlesungen in seinem Fach gab. Bei Siemens in Erlangen begann Madelung 1950 seine berufliche Laufbahn, nachdem er beim Nobelpreisträger Werner Heisenberg in Heidelberg promoviert hatte. Neun Jahre später wurde Madelung Dozent an der Philipps-Universität Marburg, wo er 1962 zum Professor für theoretische Physik berufen wurde; das Ordinariat hatte er bis zu seiner Emeritierung 1987 inne. Als Rektor leitete Madelung die Hochschule in der heißen Phase der 68-er Studentenrevolte. Und er hat die Universität zusammengehalten, attestierte ihm Marburgs Oberbürgermeister Dr. Hanno Drechsler, als er Madelung 1992 das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse überreichte.

Vorstand, künstlerischer Beirat, Vereinsmitglieder und jene Konzertbesucher, die Professor Otfried Madelung noch gekannt haben, gedenken des Konzertverein-Ehrenvorsitzenden in Dankbarkeit.

Michael Arndt
im Auftrag des Marburger Konzertvereins